von Uwe Greitens
Aufbissschienen im Vergleich: PMMA, PA12 und PETG im Praxischeck
Die digitale Herstellung von Aufbissschienen entwickelt sich rasant. Neben klassischen Tiefziehschienen setzen immer mehr Zahntechniker und Praxen auf CAD/CAM-gefräste Aufbissschienen oder 3D-gedruckte Schienen. Obwohl 3D-gedruckte Aufbissschienen zunehmend an Bedeutung gewinnen, bieten gefräste Schienen aus Hochleistungspolymeren weiterhin entscheidende Vorteile: Sie überzeugen durch hohe Materialdichte, exzellente Passgenauigkeit und überlegene mechanische Stabilität, während 3D-gedruckte Schienen oft geringere Festigkeit und Abrasionsbeständigkeit aufweisen.
In diesem Beitrag erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Materialien für CAD/CAM-gefräste Aufbissschienen, ihre spezifischen Eigenschaften und Anwendungsbereiche, eine klare Definition zentraler Fachbegriffe sowie einen praktischen Kompass für die richtige Materialauswahl in Labor und Praxis.
Bissschienen-Materialien im Ampel-Vergleich
Quelle: Bissschienen Materialübersicht 2025, interne Analyse
Legende:
🟢Grün: sehr gut / hoch / elastisch / monomerfrei
🟡 Gelb: mittel / MMA-haltig mit moderater Verträglichkeit
🔴 Rot: gering / spröde / sehr steif
Interpretation:
- Biegefestigkeit: hohe Werte = formstabil (PMMA stark)
- Bruchzähigkeit: hohe Werte = bruchsicher (PA12 stark)
- Elastizität: niedriger E-Modul = elastisch und komfortabel (PA12, PETG, Folie)
- Biokompatibilität: monomerfreie Materialien = 🟢
Biokompatibilität
PMMA-basierte (Polymethylmethacrylat) Materialien gelten seit Jahrzehnten als Standard für Aufbissschienen – zunächst in konventionell polymerisierter Form und heute zunehmend als CAD/CAM-gefräste Schienen. Diese modernen industriell gefertigten PMMA-Rohlinge bauen auf der bewährten Werkstoffbasis auf und bieten zusätzlich eine höhere Materialdichte, bessere Passgenauigkeit und überlegene mechanische Stabilität im Vergleich zu herkömmlich hergestellten Schienen.
Patienteninformation zu PMMA‑Schienen
Schienen aus PMMA bieten eine sehr stabile Passform. Je nach Herstellverfahren können jedoch geringe Mengen des Ausgangsmonomers MMA verbleiben. Für die meisten Patienten ist dies unbedenklich. Bei besonders empfindlichen Personen empfiehlt sich der Einsatz monomerfreier Alternativen wie PETG oder PA12.
Monomerfrei vs. Restmonomerhaltig:
- Monomer = chemischer Grundbaustein (z.B. MMA).
- Restmonomere: Nicht vollständig umgesetzte Monomer‑Reste im Material. Sie können sich in sehr kleinen Mengen aus PMMA‑Schienen lösen
- Monomerfrei: Kein nachweisbares freies Monomer im Endmaterial. PA12, und PETG sind echte monomerfreie Werkstoffe.
Fazit:
Wer maximale Biokompatibilität auch für Allergiker sucht, ist mit PA12 (Polyamid 12) und PETG (Polyethylenterephthalat-Glykol) als monomerfreie Materialien richtig beraten.
PA12 ist hier die Premiumalternative: vollständig monomerfrei, extrem bruchsicher, elastisch und komfortabel – ideal auch für Allergiker und starke Bruxismus- Patienten. PETG ist ebenfalls monomerfrei und angenehm zu tragen. Es gilt oft als wirtschaftlichere Option.
Hinweis: Durch unsere wertgebundenen Preise kann auch PA12 für viele Patienten wirtschaftlich realisierbar sein, ohne auf Komfort oder Biokompatibilität zu verzichten.
Elastische Bissschienen: Mehr Komfort und Sicherheit für Patienten
Für Ihre Patienten mit Bruxismus sind elastische Schienen besonders komfortabel und gleichzeitig bruchsicher – ein Vorteil für langfristige Therapien. Elastische Materialien erkennt man an einem geringeren E-Modul.
E‑Modul erklärt
Das Elastizitätsmodul (E‑Modul) beschreibt, wie steif oder elastisch ein Material ist.
- Hoher E‑Modul → steife, formstabile Schiene (PMMA)
- niedriger E‑Modul → elastische, weichere Schiene. (PA12, PETG)
Elastische Schienen geben bei Belastung nach und brechen selten, sind aber weniger fest; steifere Schienen halten präzise Positionen, können jedoch bei hohen Kräften splittern.
Hinweis zur Vergleichbarkeit: E-Modul vs. Biegemodul (ISO 20795). Die Werte aus allgemeinen Werkstofftabellen zeigen meistens den E-Modul, der im Zugversuch gemessen wird (z. B. nach ISO 527). Die ISO 20795 (Dentistry – Base polymers) prüft jedoch den Biegemodul in einem Drei-Punkt-Biegeversuch. Deshalb unterscheiden sich die Werte: Beim Biegeversuch wirken Zug- und Druckkräfte gleichzeitig, wodurch das Material sich leichter biegt. Daher ist der Biegemodul in der Regel niedriger als der E-Modul.
Fazit
Wer ein geeignetes Schienenmaterial für Bruxismus-Patienten und höheren Tragekomfort sucht, sollte sich für die elastischen Polymere endscheiden. Durch den geringeren Biegemodul sind Sie extrem bruchsicher und elastisch.
Also: PA12 oder PETG? – Vorteile für PA12
Beide Materialien gehören zur neuen Generation monomerfreier CAD/CAM-Schienenwerkstoffe. Dennoch bestehen deutliche Unterschiede:
- Widerstandsfähigkeit & Elastizität:
PA12 bietet maximale Bruchfestigkeit und hohe Elastizität – ideal für therapeutische Hochlast-Schienen bei starkem Bruxismus. PETG weist eine geringere Bruchfestigkeit auf und eignet sich primär für komfortorientierte Schienenlösungen oder bei leichtem Bruxismus, jedoch nicht als bevorzugtes Material bei starkem Bruxismus, da hier die Materialreserven nicht ausreichend sein können.
- Farbstabilität:
PA12 hat von Natur aus eine leicht milchige Erscheinung, bleibt aber langfristig farbstabil. PETG neigt mit der Zeit zu leichter Vergilbung.
- Tragekomfort:
Beide Materialien sind weich-elastisch und angenehm zu tragen; PA12 ist zusätzlich geräuscharm im Mund.
- Bearbeitbarkeit:
PA12 ist gut fräsbar und gut polierbar. PETG gilt in seiner klassischen Form als besonders gut polierbar. Wichtig: Diese sehr gute Polierbarkeit bezieht sich primär auf reines PETG. Bei flexibilisierten oder modifizierten PETG-Varianten (z.B. Copolyester-Blends mit Weichmacheranteilen) kann sich die Polierbarkeit verschlechtern, da Materialmodifikationen die Oberflächenstruktur verändern.
- Allergikerfreundlichkeit:
Beide Materialien sind monomerfrei; PA12 ist zusätzlich komplett additivfrei, was es besonders verträglich macht.